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Mike Sandbothe

Statement zur aktuellen Debatte über Mediologie, Medienökologie und Medienphilosophie

Sowohl die empirisch ausgerichteten Publizistik- und Kommunikationswissenschaften als auch die historisch, archäologisch oder hermeneutisch arbeitenden Medien- und Kulturwissenschaften sind an den meisten Universitäten in Europa und den USA institutionell bereits recht gut ausdifferenziert. Neue Konzepte wie die Mediologie, die Medienökologie oder die Medienphilosophie stellen Erweiterungen des Spektrums der wissenschaftlichen Kommunikations-, Medien- und Kulturforschung dar. Gemeinsam ist diesen innovativen Forschungsprogrammen, dass sie intellektuelle Werkzeuge entwickeln, mit deren Hilfe sich die aktuellen Digitalisierungs- und Globalisierungsprozesse nicht nur passiv analysieren, sondern aktiv mitgestalten lassen.

Natürlich sind die Beharrungskräfte der etablierten Disziplinen groß. Die bisherige Medienforschung lässt sich grosso modo als ein Leitmediendenken klassifizieren. Von Platon über Nietzsche und Benjamin bis zu Bolz und Kittler ging es immer um die Herrschaft eines neuen Leitmediums über ein altes: der Schrift über das gesprochene Wort, des Fernsehens über den Buchdruck, der Hardware über die Software, des Internets über das Standalone-Gerät! MediologInnen, MedienökologInnen und MedienphilosophInnen verbindet demgegenüber das gemeinsame Bemühen, ein kulturelles Gleichgewicht zwischen den unterschiedlichen Mediensorten zu finden. Sie stützen sich dabei auf die profunden Forschungsresultate der etablierten Leitmedienforschung, wollen sich aber konzeptionell mit deren Fixierung auf technische Meistermedien und den damit verbundenen begrifflichen Disziplinierungsmaßnahmen nicht zufrieden geben.

Aus diesem Grund machen sich die VertreterInnen der neuen Medienforschung für die kulturell jeweils vernachlässigten Medien stark. Das waren in den neunziger Jahren vor allem der Computer und das Internet. Heute sind es die Körpermedien und die institutionalisierten Medien verbaler und nonverbaler Bildungskommunikation. Beides hängt eng miteinander zusammen. Denn in den letzten Jahren hat sich gezeigt, dass die Formen kollektiver Intelligenz, die durch das Internet technisch ermöglicht werden, Voraussetzungen haben, die im Bereich der körperlichen Selbst- und Fremderfahrung sowie der damit eng verbundenen emotionalen Intelligenz liegen. Diese Dimensionen sind von unseren Bildungssystemen lange Zeit vernachlässigt worden und bedürfen unter den Bedingungen der sich entwickelnden globalen Mediengesellschaft einer synästhetischen Revalidierung.

Es ist ein wissenschaftssoziologischer Gemeinplatz, dass es gerade den AkteuerInnen innerhalb hochgradig innovativer Forschungsfelder häufig an intellektueller Liberalität und gelassener Redlichkeit im Umgang mit Kolleginnen und Kollegen mangelt. Es wäre daher schon viel gewonnen, wenn die VerfechterInnen der neuen Medienforschung lernen würden, sich selbst als komplexes und vielgestaltiges Kollektiv zu verstehen und als ein solches auch öffentlich zu handeln. Dazu gehört nicht nur eine intern abgestimmte Pressearbeit und medienpolitische Beratungstätigkeit, sondern auch die Fähigkeit, mit der etablierten Medienforschung so zusammenzuarbeiten, dass die eigenen Grundideen und kreativen Potentiale dabei nicht verloren gehen. Dass Deutschland und Österreich derzeit in dieser Hinsicht weltweit eine Führungsrolle übernommen haben, muss kein Nachteil sein! Zwar sind wir es nicht mehr gewohnt, dass aus Debatten, die zunächst in deutscher Sprache geführt werden, internationale Denkbewegungen hervorgehen. Aber das muss ja nicht so bleiben!

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-- 4.745 Zugriffe auf diesen Text seit dem 02/13/04 --